Eine kleine Geschichte der Jazz AGe

"Mehr Jazz in unsere Stadt" lautete der Titel eines Artikels des heutigen 1LIVE-Wellenchefs Jochen Rausch in der NRZ, in dem im März 1979 die Gründung einer neuen Initiative bekannt gegeben wurde. Aus der "AG Jazz in der börse" wurde die "Jazz AG", daraus später nach Intervention des Amtsgerichts die "Jazz AGe", "um eine Verwechslung mit einer finanzstarken Aktiengesellschaft auszuschließen". Zu den Aktiven der ersten Stunde gehörten neben dem Vorsitzenden Rainer Widmann Musiker wie Bernd Köppen, Peter Kowald, Roland Müller, Uli Espenlaub, Michael Lücker, Klaus Gebauer, Thomas Tang, Uli Sonntag, Wolfgang Suchner und Andreas J. Leep, aber auch der Architekt Fritz Figge, der spätere Viva-Chef Dieter Gorny, der Leiter des städtischen Rockbüros, Dirk Jessewitsch, der Maler Hans-Georg Pink und Christian Stritzel, der das Theremin wiederentdeckte.

Sofort begannen Verhandlungen mit dem damaligen Kulturamtsleiter Hans-Hermann Schauerte. Ergebnis: zunächst 5.000 Mark pro Jahr an Fördermitteln aus dem Kulturetat der Stadt. In der Aula der Justizvollzugsschule auf der Hardt fand am 16. November 1979 das erste Konzert der Jazz AGe statt. Die Akteure der vom WDR mitgeschnittenen Premiere: Stefan Dietz' "Mirror" und die Gruppe "Voices" des Frankfurter Saxophonisten Heinz Sauer. Mit dem zweiten Konzert am 16. Januar 1980 boten Peter Brötzmann und Peter Kowald, unterstützt von Harry Miller am Bass und Günter "Baby" Sommer an den Drums, "freie Musik allererster Qualität!", wie die NRZ titelte. In der langfristigen Planung wurde das umgesetzt, was in der "börse" nicht möglich war: ein Konzertzyklus, der die vom Von-der-Heydt-Museum eingestellte Reihe mit Free-Jazz-Konzerten weiterführte.

In den Folgejahren organisierte die Jazz AGe bis zu 50 Konzerte pro Jahr in Kooperation mit unterschiedlichen Partnern. Die Orte der Jazz-Age-Konzerte waren über die gesamte Stadt verteilt: die VHS, der Kulturladen Röttgen, Kneipen und Restaurants wie "Kassiopeia", "Salsa", "Exil" oder "Sisyphos". Auch die Stadthalle, das "Haus der Jugend in Barmen" und die "Galerie 360°" wurden zu Veranstaltungsorten unter Jazz-AGe-Regie. Einige der Highlights seien hier genannt:

Jan Garbarek, Eberhard Weber und die beiden Amerikaner David Torn und Michael Di Pasqua, Shannon Jackson's Decoding Society mit Vernon Reid an der Gitarre, die Manfred Schoof Big Band, das Steve Lacy Sextett. Aber auch Konzerte mit David Thomas und Pere Ubu, Jasper van't Hofs "Pili Pili" und "Last Exit", der Band um den Produzenten und Bassisten Bill Laswell, mit Peter Brötzmann, Ronald Shannon Jackson und Sonny Sharrock, mit dem Bandoneon-Spieler Juan Jose Mosalini, der "Sceleton Crew" mit Fred Frith wurden von der Jazz AGe angebahnt.

Dass die Jazz AGe nicht aus Puristen bestand, bewies ein Konzert der "Einstürzenden Neubauten" am 9. Oktober 1985 vor ausverkauftem Haus in der "börse" am Viehhof. Das Solokonzert von Cecil Taylor im September 1988 in der Musikhochschule war ein besonderes Ereignis für die Anhänger des Free Jazz. Auch Wolfgang Dauner trat in der Musikhochschule auf, deren Dekan die Konzertreihe allerdings im Februar 1991 "zur Schonung der Flügel" stoppte. Die Organisatoren fühlten sich in finstere Zeiten zurückversetzt, zumal die damalige Museumsdirektorin Sabine Fehlemann kurz zuvor die erfolgreich gestartete Reihe "Moving Pictures For The Ea" im Von-der-Heydt-Museum gestrichen hatte. Als Ersatz bot sich das neue "Forum" am Arrenberg an, aber auch der "Ottenbrucher Bahnhof" und kurzzeitig das "Wirtschaftswunder" wurden zu wichtigen Orten für Jazz-AGe-Aktivitäten.

Die ersten 30 Jahre Jazz AGe können eine stolze Bilanz vorweisen: rund 800 organisierte oder unterstützte Veranstaltungen mit über 5000 Musikern aus der ganzen Welt, darunter die meisten Wuppertaler Jazzer, unzählige deutsche Gruppen, aber auch große internationale Stars wie das "Art Ensemble of Chicago", das "Sun Ra Arkestra", das Archie-Shepp- und das Sunny-Murray-Quartett, die Mike Westbrooks Concert Band und James Blood Ulmer. Seit 2003 wird das erfolgreiche Wuppertaler Jazzmeeting im Cafe ADA maßgeblich von der Jazz AGe organisiert. Bei dieser Veranstaltung steht vor allem die Förderung der regionalen Szene im Mittelpunkt.

 

Pfeil Dieser Artikel von Rainer Widmann basiert auf einem im Wuppertaler Jazzbuch "sounds like whoopataal – Wuppertaler Jazzgeschichte"* enthaltenen, allerdings für das Web ganz erheblich gekürzten, Text.

 

*  Klartext-Verlag Essen, 2006, Neuauflage 2008

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